EP 3.2.11 – strukturiertes Vorwissen aufbauen

Lernschritt:

Grafik von pixabay.com

Vorwissen hilft

Bitte stellen Sie sich eine Handvoll Kletten vor, die zu einer Kugel zusammengefasst geformt werden. Aus dieser Kugel ragen viele klebrige Häkchen hervor, die weitere Kletten festhalten können. – Je größer die Klettenkugel ist, desto mehr herausragende Häkchen und desto mehr Möglichkeiten gibt es, zusätzliche Kletten festzuhalten.

Die Informationen in unserem Gedächtnis sind mit den Kletten und der Klettenkugel vergleichbar: Das Klettenball-Modell veranschaulicht, dass das Gedächtnis um so besser funktioniert, je mehr Infos man bereits im Kopf hat (= Vorwissen): Neues kann an Bekanntes angeknüpft werden.

Das Gedächtnis ist nicht vergleichbar mit einem Wasserkübel, der irgendwann mal überläuft,
sondern mit einem Klettenball, der immer größer werden kann.

ergänzende Veranschaulichung

Eine neue Information kann man mit einem Helium gefüllten Ballon vergleichen. Sofern es keine ‚Ankerseile‘ gibt, ‚verflüchtigt‘ er sich. – Ein einziges Ankerseil könnte den Ballon vielleicht noch nicht ausreichend fixieren; sicherheitshalber sollte man mehrere ‚Verknüpfungen‘ schaffen.

Andockstellen schaffen

Stellen Sie sich bitte vor, Sie haben sich zu einem Vortrag, zu einer Vorlesung oder zu einem Fachseminar angemeldet. Dort wollen Sie völlig neue Informationen aufnehmen und auch die Erfahrungen des Vortragenden bzw. der anderen Seminarteilnehmer kennen lernen.

Tipp: Befassen Sie sich rechtzeitig vor der Veranstaltung mit den zu erwartenden Inhalten, zum Beispiel durch Internet-Recherche. Auch wenn Sie dadurch nur wenig vorab ‚gelernt‘ haben, verfügen Sie dann aber über ein grobmaschiges Netz (wenn auch nur ungenauer) Informationen. Dieses zarte / vage neue Info-Netz bietet Ihnen Andockstellen für die Informationen, die Ihnen die Veranstaltung liefern wird. Das heißt:

  • Sie werden viele Informationsdetails dadurch überhaupt erst wahrnehmen.
  • Sie werden die in der Veranstaltung angesprochenen Inhalte leichter und schneller verstehen.
  • Ihre eventuellen Fragen an den Referenten werden qualifizierter sein.

Johann Wolfgang von Goethe: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ 

Screenshot von www.dumontreise.de

Das Prinzip des ‚Wissens-Netzes‘ (erstmalig verwendet von Vera F. Birkenbihl) mit seinen Andockstellen gilt unter anderem auch für (Fremd-)Sprachenkenntnisse:

  • Die erste Sprache (Muttersprache) zu erlernen, ist am schwierigsten! Ein Kind, das schon sechs(!) Jahre lang – bis zur Einschulung – seine Muttersprache tagtäglich gelernt hat, beherrscht sie schon ziemlich gut, aber kann noch immer nicht alle Wörter der Tageszeitung deuten. – Welche Erfolgs-Erwartungen haben Erwachsene und zu welchem Lern-Aufwand sind sie bereit, wenn sie eine Fremdsprache erlernen?!
  • Wer bereits fünf Fremdsprachen aus dem europäischen Sprachraum ‚beherrscht‘, für den ist es deutlich einfacher, auch Japanisch zu erlernen als für einen Deutschen, der sich Japanisch als erste zu erlernende Fremdsprache ausgesucht hat.

Vorwissen ist / sei wichtiger als Intelligenz

Stellen Sie sich bitte einen Wettstreit zwischen einem 18-jähren Abiturienten (mit Abi-Bestnoten!) und einem normal intelligenten 38-jährigen Servicetechniker vor, der digitale Druckmaschinen repariert.

Beide verfolgen mit Aufmerksamkeit die Präsentation zu einer Druckmaschine mit neuer Technologie.

Einen Tag später oder eine Woche später oder einen Monat später sollen beide Personen eine Reihe von Fragen beantworten, die sich auf die neue Druckmaschinentechnik beziehen. – Wer der beiden wird mehr Fragen beantworten können?

Die allermeisten meiner Teilnehmer in meinen früheren Präsenzseminaren hatten auf den Servicetechniker getippt. Das wäre der Beweis für die Bedeutung des Vorwissens.

Ergänzung (nur eine Seite):

strukturiertes Vorwissen ist besonders hilfreich

Wenn Sie sich in ein neues (Teil-)Fachgebiet einarbeiten wollen / müssen, dann schaffen Sie sich am besten zunächst einen geeigneten ‚Einprägungs- und Erinnerungs-Schrank‘: Sobald Sie über einen solchen ‚Schrank‘ verfügen, lassen sich die weiteren Informationen einordnen / zuordnen – somit leichter einprägen und leichter erinnern.

In meinen memoNews von Januar 2006 hatte ich geschrieben:

Kürzlich erschien im SPIEGEL der Artikel Wie die Erde zur Scheibe wurde. Darin wird die These widerlegt, dass das Wissen über die Kugelform der Erde erst im Zusammenhang mit der Entdeckung von Amerika durch Kolumbus entstanden sei.

Interessant finde ich diesen Artikel auch deshalb, weil er erlebbar machen kann, wie ein Vorwissen das Verständnis neuer Informationen erleichtert. In dem SPIEGEL-Artikel kommen nämlich unter anderem  folgenden Stichworte vor:

  • „Mittelalter“
  • „altnordische Schriften des 11. Jahrhunderts“
  • „als die Kirche unter Kaiser Konstantin, dem Großen, zur Staatsreligion erhoben wurde, …“ (was allerdings nicht stimmt: Konstantin hatte ‚lediglich‘ die Religionsfreiheit verkündet.)
  • „der katholische Heilige und Kirchenvater Augustinus um das Jahr 400“
  • „Bereits vor dem Jahr 360 war dieses Modell in Rom verbreitet“
  • „bereits im 5. Jahrhundert …“
  • „als nach dem 6. Jahrhundert die politischen Führer …“
  • „den seit dem 13. Jahrhundert wichtigsten Text …“
  • „zitierte 1543 im Vorwort zu seinem Hauptwerk …“
  • „der im 8. Jahrhundert gelebt hatte …“

Sofern man über einen passenden ‚Einprägungs- und Erinnerungs-Schrank‘, also über ein ‚strukturiertes Vorwissen‘ verfügt (in diesem Fall für ‚Geschichte‘), dann wird man die meisten der obigen Stichworte einordnen können. Man wird beim Lesen der obigen Zeilen zum Beispiel Folgendes denken …

  • „altnordische Schriften des 11. Jahrhunderts“ – also etwa in der Zeit, als der Normanne Wilhelm I. die Schlacht von Hastings für sich entscheiden konnte (Kampf um die englische Thronfolge).
  • „Bereits vor dem Jahr 360 war dieses Modell in Rom verbreitet“ – also etwa kurz vor der Zeit, als sich die Hunnen Richtung Europa bewegten und damit der germanischen Völkerwanderung einen zusätzlichen Impuls gaben.
  • „den seit dem 13. Jahrhundert wichtigsten Text …“ – also etwa in der Zeit, als der Grundstein für den (heutigen) Kölner Dom gelegt wurde.

Fazit: Lernen / Denken in (hier: zeitlichen) Zusammenhängen

Der LernTipp strukturiertes Vorwissen aufbauen ist von den Lernenden leider nicht so leicht / schnell in die Lern-Praxis umsetzbar wie die allermeisten anderen Lern-Tipps, die in diesem OnlineKurs aufgezählt und beschrieben sind.

Für die Lehrenden wäre es aber eine großartige Serviceleistung, wenn sie ihren Lernenden eine leicht nachvollziehbare Struktur (‚Einprägungsschrank‘) eines größeren Lerninhalts zur Verfügung stellten …

  • Welche Erkenntnis können Sie – für Ihre Bildungsarbeit – aus diesem Lernschritt ziehen?
  • Welche Absicht wollen Sie – für Ihre Bildungsarbeit – aus diesem Lernschritt ableiten?

Reflexionsbogen (PDF) zum Download


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