TG 13.06 – Frage des Tanzlehrers C. Vogt – Lösung

Lernschritt:

Grafik von pixabay.com

Sehr geehrter Herr Vogt,

seit einiger Zeit lese ich Ihre memoNews und habe mir auch schon einige Techniken daraus für private Zwecke zu Nutze machen können.

Nun habe ich eine ganz spezielle Frage zum Thema Muskelgedächtnis.

Ich arbeite nach langer Pause seit kurzem wieder als Tanzlehrerin und möchte meinen Tanzschülern, vor allem den Älteren, das Tanzen-Lernen ein wenig erleichtern.

Wir versuchen, das Tanzen über drei Wege zu vermitteln.

1. Sehen  (Vortanzen)

2. Hören  (Erklärung der Schritte)

3. Fühlen (Nachtanzen der Schritte)

Außerdem versuchen wir, von bereits bekannten Figuren auf neue Figuren überzuleiten.

Gibt es nun eine Möglichkeit, das Muskelgedächtnis noch effizienter zu trainieren? Für Ihre Tipps danke ich Ihnen im Voraus und verbleibe

mit freundlichen Grüßen
C. Vogt (nicht verwandt und nicht verschwägert)

Hallo, Frau / Herr C. Vogt,

… ein Gedächtnis für Bewegungsabläufe ist nicht nur beim Tanzen(-Lernen) erforderlich, sondern in vielen anderen Fällen auch, zum Beispiel für

  • das ‚automatisierte‘ handschriftliche Schreiben – Wie mühsam und langsam ‚malen‘ Schulanfänger die einzelnen Buchstaben! Dabei wird Kindern eine bessere Lernfähigkeit als den Erwachsenen zugesprochen!
  • die ‚automatisierte‘ Bedienung einer Tastatur
  • die ‚automatisierten‘ Fingerbewegungen beim Stricken

In all diesen Fällen wird der Bewegungsablauf durch ständiges Üben / durch praktische Anwendungs-Wiederholungen eingeprägt.

Im handwerklichen Bereich wurde für Bewegungsabläufe eine eigenständige Methode, die ‚Vier-Stufen-Methode‘, entwickelt. In der klassischen (alten) Variante gibt es dabei folgenden Ablauf:

  • Stufe 1: Der Ausbilder bereitet sich und den Auszubildenden vor.
  • Stufe 2: Der Ausbilder macht vor und erklärt.
  • Stufe 3: Der Auszubildende macht nach und erklärt.
  • Stufe 4: Üben, üben, üben

„Üben, üben, üben“ ist für das Einprägen und für das dauerhafte Erinnern ‚automatisierter‘ Bewegungsabläufe der entscheidende Punkt – auch beim Tanzen-Lernen.

Bitte seien Sie sich bewusst, dass die Schrittfolgen für Tanz-Schüler (zumindest ab den Kursen für Fortgeschrittene) komplizierte Bewegungsabläufe sind. Als Tanz-Lehrer vergisst man vielleicht, welch‘ großen Übungsaufwand man früher selber einmal leisten musste …

Der aufwändige Lernprozess sogar für einfache Bewegungsabläufe lässt sich am Beispiel eines Ausschnittes beim Autofahren (mit manueller Gangschaltung) darstellen. Was man als Autofahrer inzwischen wie ‚im Schlaf‘ beherrscht, musste man als Fahrschüler mühsam erlernen:

  • rechten Fuß vom Gaspedal nehmen
  • mit dem linken Fuß die Kupplungspedale treten
  • den anderen Gang einlegen (und den sofort auch treffen)
  • den linken Fuß vom Kupplungspedal nehmen
  • mit dem rechten Fuß gleichzeitig das Gaspedal treten

Und denken Sie bitte an Ihre ersten Übungen zum gefühlvollen Anfahren am Berg, … sofern das Fahrzeug nicht über eine automatische Feststellbremse verfügt.

Vermeiden Sie bitte das Einüben von Schrittfolgen, solange sehr ähnliche Schrittfolgen noch nicht in ‚Fleisch und Blut‘ übergegangen sind (Ranschburg-Phänomen).

Als Tanzlehrer könnten Sie den Lernenden zusätzliche Hilfen anbieten, die das gedankliche Erfassen der Schrittfolgen und das gedankliche Erinnern erleichtern. Solche Hilfen können insbesondere sein:

  • Bezugsquellen nennen, um geeignete Lehr- / Lern-Videos bestellen zu können. Ich weiß, dass es zum Beispiel im Aerobic-Bereich eine Vielzahl solcher Videos gibt, die von den Trainern zum Üben im Anschluss an entsprechende Demonstrations-Veranstaltungen empfohlen werden. – Ich vermute, dass auch zielstrebige Tanzschüler gern entsprechende Videos nutzen würden. – Meine Antwort hatte ich geschrieben, bevor YouTube erfunden oder zumindest populär geworden war
  • ‚Kreative‘ Lernhilfen zu den einzelnen Bewegungsphasen geben, so wie es zum Beispiel beim Lehren von Qigong und Taiji praktiziert wird, ungefähr so: „Bitte bewegen Sie Ihre Arme, als würden Sie einen imaginären großen Luftballon umfassen, schieben Sie ihn langsam von einer Seite zur anderen und drehen Sie ihn dabei.“

Diese zusätzlichen Hilfen werden dazu beitragen, dass sich die Lernenden beim Üben zu Hause (und dann auch noch zu Beginn der Folgeunterrichte) leichter an die neuen Schrittfolgen erinnern , sich also nicht wieder ‚ganz dumm‘ fühlen müssen.

Wie intensiv wollen / sollen Ihre Tanzschüler in den Zeiten zwischen den Tanzunterrichten eigentlich üben? – Wahrscheinlich geht es ihnen mehr um Entspannung, Freude und Abwechslung als um ‚Leistungssport‘ …

Beste Grüße
Ihr Reinhold Vogt

  • Welche Erkenntnis können Sie – für Ihre Bildungsarbeit – aus diesem Lernschritt ziehen?
  • Welche Absicht wollen Sie – für Ihre Bildungsarbeit – aus diesem Lernschritt ableiten?

Reflexionsbogen (PDF) zum Download


Sie sind im Kurs: Lern- und Gedächtnistechniken für Bildungs-Profis (TG), Kapitel: TG 13 - So könnte man's machen, Lernschritt: TG 13.06 - Frage des Tanzlehrers C. Vogt - Lösung